☆☆☆ Zweiter Bericht von Karl Friedrich Wilhelm von der Marwitz, neunzehnter Stipendiat der Grünwald Stiftung ☆☆☆

Thursday, der 11. June 2020 | Autor: dzgo | Kategorie(n): Blog

Auch wenn ich es genauso erwartet hatte, bin ich nun doch erstaunt – meine 12 Wochen in Osaka vergingen wie im Flug. Natürlich bin ich ein wenig wehmütig, dass das Abenteuer Japan nun zu Ende geht. Allerdings bestätigt dieses Gefühl auch einen ereignisreichen und damit kurzweiligen Aufenthalt. Da dies somit auch mein letzter Bericht ist, möchte ich nicht nur meine Erlebnisse der vergangenen Wochen beschreiben, sondern ihn auch nutzen, um meine Gedanken zum gesamten Aufenthalt zu äußern und mit einem Fazit abzuschließen.

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Die Grünwald-Stiftung sieht vor, dass ihre Stipendiaten bis zu zwei Wochen ihrer Zeit nutzen können, um das Land zu bereisen. Leider ist mein Terminkalender um die Zeit der geplanten Reise immer enger geworden. Schlussendlich konnte ich aber eine volle Woche davon in Anspruch nehmen. Die Kansai-Region und den westlichen Teil der Hauptinsel Honshu kannte ich bereits durch Tagesausflüge und den Besuch der Yanmar-Fabriken. Auch die Kanto-Region um Tokyo und der Norden Japans sind mir aus früheren Reisen bereits bekannt. Somit fiel meine Wahl für diese Reise mit Kyushu auf den westlichsten Teil des Archipels.

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Die erste Station der Reise war Nagasaki. Obwohl es sich hier „nur“ um eine mittelgroße japanische Stadt handelt, hat Nagasaki als eines der beiden Ziele der amerikanischen Atombombenabwürfe traurige Berühmtheit erlangt. Trotz strahlenden Sonnenscheins überfiel mich schnell ein bedrückendes Gefühl als ich das Hypocenter, also den Ort des Einschlages, besuchte. Anschließend begab ich mich in das nahegelegene Nagasaki Atomic Bomb Museum. Neben einer minutiösen Auflistung der Geschehnisse bis zum tatsächlichen Abwurf der Bombe wird auch sehr anschaulich gezeigt, welche Kurz- und Langzeitfolgen eine Atombombe verursacht. Bis zum heuten Tage werden bestimmte Waldstücke in der Umgebung Nagasakis aufgrund von erhöhten Strahlungswerten gemieden. Neben der geschichtlichen Einordnung des Vorfalls schließt das Museum mit einer Übersicht zur Entwicklung und Nutzung von Atomwaffen nach dem zweiten Weltkrieg ab. Das Fazit ist sehr deutlich: Diese Tragödie darf sich auf keinen Fall wiederholen. Diese Meinung ist auch unter den Einwohnern weit verbreitet, Nagasaki gilt als pazifistische Hochburg. Zum Abschluss gab es noch eine große Portion Noodles Champon, die japanische Abwandlung einer chinesischen Nudelsuppe. Aufgrund der Nähe zu China ist der Einfluss aus dem Land der Mitte hier besonders stark ausgeprägt.

Danach ging es weiter nach Fukuoka. Die größte Stadt Kyushus machte auf mich einen sehr jungen und dynamischen Eindruck, was unter anderem daran liegen mag, dass Fukuoka als Einfallstor für Einwanderer (und somit Meltingpot) gilt und eine sehr lebendige Startup-Szene vorweisen kann. Außerdem ist die Stadt für Hakata-Style Ramen bekannt. Einige der erfolgreichsten Ramen-Ketten der Welt haben sich auf diese Version der japanischen Nudelsuppe mit cremiger Schweinebrühe und dünnen, festen Nudeln spezialisiert. Die knapp 100 Restaurants der Kette Ichiran haben lediglich dieses eine Gericht auf ihrer Karte. Neben dem Hauptsitz von Ichiran schaffte ich es noch zwei weitere landesweit bekannte Ramen-Shops zu besuchen.

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Um die überschüssigen Kalorien aus Fukuoka wieder loszuwerden, stand als nächster Abschnitt der Reise eine Wanderung im Kirishima-Kinkowan Nationalpark an. Wie so häufig in Japan liegt die Schönheit des Parks in einer Berglandschaft vulkanischen Ursprungs. Zu den Highlights zählt neben dem riesigen Krater des Karakuni-dakes und des Vulkansees Ohnami-ike der aktive Vulkan Shinmoe-dake. Ein Blick auf den rauchenden Krater genügt, um das derzeitige Begehverbot zu verstehen. Allerdings hatte ich vom nahegelegenen Karakuni-dake einen hervorragenden Blick auf das Naturspektakel. Auch das Wetter spielte mit. Nachdem es am Tag zuvor durchgehend in Strömen geschüttet hat, hatte ich bei meiner Wanderung klare Verhältnisse. In der Ferne konnte ich sogar die aufsteigenden Rauchwolken der ca. 50 km entfernten Vulkaninsel Sakurajima erkennen.

Die letzte Nacht verbrachte ich in Kagoshima und erfreute mich noch ein letztes Mal der natürlichen Warmwasserquellen, die meistens mit der tektonischen Aktivität einher gehen. Diese Quellen werden auch Onsen genannt und sind in ganz Japan vorzufinden. Die heißen Bäder am Ende eines langen Tages werde ich mit Sicherheit vermissen. Am folgenden Tag ging es dann bereits mit dem Shinkansen zurück nach Osaka. Dank des ausgezeichneten japanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes konnte ich diese ca. 800km lange Strecke komfortabel in unter vier Stunden zurücklegen. Auch dieser Aspekt Japans wird mir äußerst positiv in Erinnerung bleiben. Deutschland hat im internationalen Vergleich sicher kein schlechtes öffentliches Fernverkehrssystem. Japan spielt aber schlicht in einer anderen Liga.

Die Woche vor dem Rückflug nutzte ich, um mich von meinen Bekannten zu verabschieden. So kamen beispielsweise Mika, Shiho, Yuri, Takumi und Yodai vom Deutsch-Sprachtisch der Kyoto Prefecture University zu besuch, um zusammen Maki-Sushi zu machen. Abschließend durfte ich Herrn Okamotos Einladung des deutschen Generalskonsul von Osaka und Kobe, Herrn Dr. Köhler, und des ehemaligen japanischen Generalkonsul Münchens, Herrn Tanabe, und ihren Partnern beiwohnen. Dieser Abend zählt nicht nur aufgrund der hervorragenden Hokkaido-Krebse, sondern vor allem durch die unglaublich interessanten und bereichernden Gespräche zu meinen persönlichen Höhepunkten. Auch wenn ich Herrn Okamoto für den gesamten Aufenthalt zu Dank verpflichtet bin möchte ich dieses Erlebnis nochmals hervorheben.

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Alles in allem blicke ich auf eine wundervolle Zeit in einem aufregenden Land zurück. Zum einen liegt bereits in der Andersartigkeit Japans ein gewisser Reiz.Zu Beginn reichte allein das Straßenbild mit den ungewohnt vielen Leuchtreklamen, Stromkabeln und dicht gedrängten Häusern aus, um mich ins Staunen zu versetzen. Auch die landschaftlichen Aspekte wie rauchende Vulkanlandschaften, dichte Bambuswälder und die allgegenwärtige Nähe zum Meer erkundete ich mit großer Begeisterung. Zum anderen hatte ich mit fortlaufender Zeit aber auch das Gefühl tief in die japanische Kultur und Gesellschaft einzutauchen. Die zahlreichen Kontaktmöglichkeiten mit den Bewohnern der Kansai-Region, die mir durch die Grünwald-Stiftung ermöglicht wurden, haben hierbei einen maßgeblichen Anteil. So kann ich nun behaupten, nach 12 Wochen einen recht umfänglichen Eindruck von Land und Leuten
erhalten zu haben. Besonders spannend war für mich der Vergleich der westlichen und japanischen Lebensweise. Einige Aspekte der japanischen Kultur gefallen mir sehr gut: gemeinschaftliche Mahlzeiten, hohe Dankbarkeit und Respekt für ältere Teile der Bevölkerung, Wahrung der Privatsphäre der
Mitmenschen. Mit anderen Aspekten kam ich weniger gut zurecht: indirekte Ansprache, (fehlende) Kritikkultur, starre soziale Strukturen. Insgesamt sehe ich es aber als enorme Bereicherung an, einen detaillierten Blick auf ein so hochentwickeltes Land, das sich aber in so vielen Aspekten von allem mir bisher Bekannten unterscheidet, erhalten zu haben.

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Hierfür bin ich der Grünwald-Stiftung, dem Rotary-Club Grünwald und speziell Herrn Okamoto äußerst dankbar. Von den Erfahrungen und Erlebnissen dieses Aufenthalts werde ich noch lange zehren. Ich bin mir zudem sicher, dass ich in irgendeiner Form – sei es für eine Reise oder für eine berufliche Tätigkeit – nach Japan zurückkehren werde. In diesem Sinne: Ja mata, Nihon!



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