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☆☆ Fünfter Bericht von Anna Götz, elfte Stipendiatin der Grünwald Stiftung ☆☆

Aller Abschied fällt schwer

Es ist ein Paradoxon. Einerseits sind die letzten drei Monate in Japan wie im Flug vergangen, andererseits habe ich noch nie so viel in so kurzer Zeit erlebt. Nun ist aber der Tag gekommen, auf den ich die letzten Wochen mit Bangen geblickt hatte. Meine Zeit in Japan ist vorbei. Das Apartment ist leer. Alles steht zusammengepackt am Eingang. Es sieht so aus wie bei meiner Ankunft. Da stellt sich die Frage: Wird es, wenn ich endgültig weg bin, so sein als ob ich nie da war?

Nein! Den Gedanken verwerfe ich schnell wieder. Schließlich habe ich unzählige Menschen kennengelernt, mit Ihnen Gedanken ausgetauscht und einige sehr gute Freunde, die mich nicht vergessen werden, gefunden – sowohl Japaner, als auch Reisende und Auswanderer. Ich hoffe es wird mir möglich sein mit ihnen in Kontakt zu bleiben und sie irgendwann wiederzusehen. Die Reise einer sehr guten, japanischen Freundin nach Deutschland ist jedenfalls zu meiner großen Freude schon fest geplant und einige andere überlegen ebenfalls mich zu besuchen. Sehr gefreut hat mich auch, dass ich einen Japaner, den ich bereits in England kennengelernt hatte und der ein guter Freund geworden war, wieder sehen konnte.

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Den größten Einfluss hatten aber natürlich die drei Monate auf mich selbst. Für mich wird es definitiv nicht so sein, als ob ich nie in Japan war. Ich habe während meines Aufenthalts so unglaublich viel gelernt, unvergessliche Erinnerungen und Erfahrungen gesammelt und eine Liebe zu Japan entwickelt, die mich bestimmt in naher Zukunft wieder dorthin zurücktreiben wird.

Zum einen konnte ich meine Komfortzone erweitern und lernen in einem Land mit einer völlig anderen Kultur zu leben, zum anderen konnte ich ungemein viel über Japan, seine Bewohner, ihre Mentalität, Sprache und Traditionen lernen. Dies alles und die Erzählungen von Herrn Okamoto über sein Leben und seine Philosophie, in der vor allem Dankbarkeit und Respekt vor den Eltern und Vorfahren betont wird, und von vielen anderen erfolgreichen Persönlichkeiten aus der Politik und Wirtschaft, die ich kennenlernen durfte, haben mein Weltbild und damit mich selbst verändert. Ich habe mich inzwischen so sehr an Japan und seine Mentalität gewöhnt, dass ich anfange selbst „wie ein Japaner“ zu denken und mich zu verhalten. Ich denke, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, werde ich dort erst einmal einen Kulturschock erleben. Ich werde dort nicht nur das japanische Essen, welches das wohl gesündeste und potenziell tödlichste (Kugelfisch) Essen der Welt ist, sondern auch die nach Harmonie strebende Mentalität und Stressfreiheit in Japan vermissen. Ich halte nämlich die Atmosphäre in Japan– wie ich bereits in meinem letzten Bericht erwähnte – für äußerst entspannend und angenehm. Dies hat mich sehr erstaunt wegen der hohen Bevölkerungsdichte, die anderes vermuten lässt. Es ist schwer zu erklären, was diese Ruhe verursacht. Ich denke sie entsteht durch viele Faktoren.

Zum einen ist Japan super organisiert. Alles ist geregelt und technisch optimiert. So sind die öffentlichen Verkehrsmittel beispielsweise nahezu immer pünktlich. Es gibt an quasi jeder Straßenecke einen Getränkeautomaten für den Fall, dass man Durst bekommt. Es gibt Plastikhüllen für nasse Schirme, wenn man ein Gebäude betritt. In der Schule kommt regelmäßig ein Arzt, der die Schüler untersucht. In Japan wurden auch die inzwischen weit verbreiteten Bodenindikatoren erfunden, die mit dem Blindenstock ertastet werden können und blinden Menschen einerseits vor Gefahren warnen, andererseits als Orientierungshilfe dienen. Diese Aufzählung könnte man noch ewig so weiterführen, aber die genannten Punkte reichen wohl für einen Eindruck hinsichtlich der Optimierungen in Japan, die das Leben einfacher und damit entspannter machen. Diese finden sich natürlich auch im Dienstleistungssektor.

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Dieser lässt im Allgemeinen keine Wünsche offen und trägt somit ebenfalls zu einem angenehmen Leben und einer gewissen Stressfreiheit bei. Was bei uns nur eine hohle Floskel ist, ist in Japan Realität: In Japan ist der Kunde tatsächlich König. Im Restaurant bekommt man beispielsweise Erfrischungstücher – manchmal sogar angewärmte – und kostenloses Wasser oder Tee. Kauft man im Supermarkt ein Fertiggericht, bekommt man Stäbchen und kleine Kühlpads dazu. Der Service ist wirklich immer freundlich und zuvorkommend. Möchte man mit kleinen Münzen oder einem großen Schein bezahlen, lässt sich niemand etwaige Ungeduld anmerken – sowohl der Verkäufer nicht, als auch eventuell wartende Personen. Und damit wären wir schon beim nächsten Punkt.

Denn der wohl gewichtigste Faktor, der die in Japan herrschende angenehme Atmosphäre auslöst, ist wohl der Japaner selbst. Er würde sich nahezu nie beschweren. Die oberste Handlungsmaxime der meisten Japaner ist nämlich die Harmonie nicht zu stören. Sie versuchen stets niemanden Umstände zu machen oder zu verärgern. Dieses Verhalten macht das Leben um einiges einfacher und damit stressfreier. Da sich jeder nach dieser Maxime verhält, braucht man nicht zu befürchten durch soziales Verhalten ins Hintertreffen zu geraten und kann einfach bei alltäglichen Dingen im Sinne der Maxime handeln und sich frei vom Nachzudenken über nebensächliche Handlungen und ihre Folgen machen. Des Weiteren ist es vollkommen überflüssig sich zu ärgern oder zu beschweren, da man in den meisten Fällen davon ausgehen kann, dass die Person bereits ihr Bestes tut, um keine Umstände zu machen. Man sagt sich einfach Shō ga nai (deut.: da kann man nichts machen) und spart sich den Stress sich aufzuregen.

Dieses soziale Verhalten führt auch dazu, dass Japan als eines der sichersten Länder der Welt gilt. Die beunruhigende Angst vor Verbrechen fällt also auch weg. So konnte ich sogar immer wieder beobachten, dass Ladenbesitzer ihre Waren auch nach Ladenschluss einfach vor diesem ungesichert stehen lassen.

Die genannten Faktoren – wahrscheinlich spielt auch die überall laufende Entspannungsmusik eine Rolle – wirken alle zusammen und verursachen eine angenehme Atmosphäre und gewisse Stressfreiheit, sofern man sich darauf einlässt, wie ein „Japaner“ zu denken und sich zu verhalten.

Aber nicht nur die in Japan herrschende angenehme Atmosphäre werde ich vermissen, sondern auch die durch das Harmoniebestreben entstehende Gruppenorientierung. Jeder ist stets hilfsbereit. Am Wochenende trifft man sich in Parks. Viele Japaner sind Mitglieder in einem Club. Es herrscht in Japan Harmonie!

Dafür, dass ich dieses erstaunliche und faszinierende System, diese vollkommen andere Welt kennenlernen durfte, möchte ich mich jetzt abschließend an dieser Stelle noch bei allen bedanken, die mir diese einmalige Chance ermöglicht haben. Mein aufrichtiger Dank gilt dem Auswahlgremium bestehend aus Christine Waldhauser-Künlen, Gabriele Menacher und Prof. Dr. Andreas Riederer, das so viel Vertrauen in mich gesetzt hat, dem Vorstand der Young Generation des Rotary Clubs Grünwald, Volker Gerlach und dem Rotary Club Grünwald für die Übernahme der Flugkosten. Ewigen Dank schulde ich aber natürlich vor allem Herrn und Frau Okamoto: Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie mich so liebevoll aufgenommen und in Ihre Heimat eingeführt haben. Ich habe so viel von Ihnen gelernt und werde mit unzähligen wunderbaren Erinnerungen nach Hause zurückkehren. Vielen, vielen Dank für Ihre Mühen!!!