☆☆ Zweiter Bericht von Anna Götz, elfte Stipendiatin der Grünwald Stiftung ☆☆

Saturday, der 30. April 2016 | Autor: GRUENWALD | Kategorie(n): Blog

Ein Monat… Einen Monat bin ich bereits im Land der aufgehenden Sonne! Es ist nicht zu fassen, wie schnell das erste Drittel meines Aufenthalts in Japan vergangen ist. Meiner Erfahrung nach vergeht Zeit umso schneller, umso mehr man erlebt. Und eines steht fest: An Erlebnissen mangelt es hier definitiv nicht!

So habe ich in den letzten vier Wochen begonnen die mich umgebende Kansai-Region – das kulturelle Herz und frühere Machtzentrum Japans – zu erforschen. Inzwischen kenne ich nicht nur Suita, Osaka und Kyoto, sondern auch Nara, Kobe, Himeji und Uji.

Nara, die erste dauerhafte Hauptstadt und Wiege Japans, ist mit unzähligen, geschichtlich und religiös bedeutenden Sehenswürdigkeiten gesegnet. Dies gerät aber leicht in Vergessenheit, da die überall in Nara frei herumlaufenden Rehe und Hirsche, die lange Zeit als heilige Götterboten galten, die Aufmerksamkeit vieler Touristen komplett auf sich ziehen.

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Auch wenn die Hafenstadt Kobe diese kulturelle Bedeutung nicht bieten kann, reizt sie dennoch durch ihren internationalen und fast schon exotischen Zug, der durch den Einfluss der Seefahrer und Zuwanderer entstanden ist.

Das ebenfalls am Meer liegende Himeji ist vor allem durch die über der Stadt thronende wunderschöne Burg bekannt. Diese galt als uneinnehmbar. Deshalb ist sie bis zum heutigen Tag ohne ernsthafte Angriffe nahezu unbeschadet und komplett erhalten.

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Zu Uji kann ich so viel sagen: Auch wenn es vergleichsweise eine kleine Stadt ist, war sie aufgrund ihrer Lage am Ujigawa-Flusses früher wichtigster Transport-Zwischenstopp zwischen Kyoto und Nara und hat folglich durchaus historischen Reichtum zu bieten. Es gibt in Uji wunderschöne Tempel und Schreine und die wohl ältesten Teeanbaufelder Japans. Man findet hier nahezu alles Essbare vermengt mit Grüntee.

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Um Japan besser verstehen zu können, begebe ich mich natürlich nicht nur auf Sightseeing-Touren. Ich gebe unter anderem auch mein Bestes, um die Sprache zu lernen. Schließlich ist sie der Schlüssel zu den Menschen und verrät viel über die japanische Mentalität. Im Zuge dessen gehe ich dreimal die Woche zum Japanischunterricht in der „Suita International Friendship Association“. Es ist sehr interessant zu lernen, welche Unterschiede die japanische und deutsche Kommunikation haben und wie sich diese in der Sprache widerspiegeln. Im Japanischem gibt es beispielsweise unzählige Höflichkeitsstufen, es ist eher unhöflich den Gegenüber mit „du“ anstelle seines Namen anzusprechen und vor persönlichen Fragen entschuldigt man sich meist. Im Allgemeinen haben „Entschuldigung“, „Danke“ und „Willkommen“ (Geschäft) einen enorm hohen Stellenwert, sowie das ständige zu verstehen Geben, dass man seinem Gegenüber zuhört und an dem Gesagten interessiert ist. Es wird eher indirekt gesprochen. „Ja.“ bedeutet oft nur „Ich werde darüber nachdenken.“. An diesen exemplarischen Punkten sieht man sehr schön, wie wichtig es den Japanern ist, dass der Gegenüber sich wohl fühlt, dass Harmonie herrscht.

Aber nicht nur durch die Auseinandersetzung mit der Sprache, sondern auch mit japanischen Kunstformen konnte ich Einblicke in das faszinierende Land Japan und seine Kultur gewinnen. Im Rahmen dessen besuchte ich mit großer Neugierde einen Ikebana-Kurs. Es war sehr interessant zu sehen, dass auch bei dieser Ausdrucksform, die früher Priestern und adeligen Männern vorbehalten war, das Harmoniebestreben im Mittelpunkt steht. Mit dem in dem Kurs erworbenen Wissen konnte ich dann die Blumenarrangements bei einer Ikebana-Ausstellungen im Daikakuji Tempel, zu der mich Frau Okamoto liebenswerter Weise mitnahm, mit ganz anderen Augen sehen und verstehen.

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Japan hat aber künstlerisch nicht nur Ikebana zu bieten. Ich konnte auch eine Vorstellung des bekannten Figurentheaters Bunraku, das sogar in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommenen wurde, beiwohnen. In Bunraku-Stücken werden meist Liebesgeschichten erzählt, die im gemeinsamen Suizid – letzter Ausweg um zusammenzubleiben – enden. Dies wird in Japan meist als äußerst romantisches und nicht etwas tragisches Ende empfunden. Diese Einstellung hat vielleicht auch im Jahr 2007 unter anderem dazugeführt, dass die höchste Suizidrate bei Frauen weltweit ermittelte wurde.

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Nun aber zu der erfreulichen Kunstform Kyōgen, die mich ebenfalls begeistern konnte. Das Ziel dieser ebenfalls in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommenen Kunstform ist das Publikum zum schmunzeln zu bringen.

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Japan punktet aber nicht nur im Bereich der darstellenden Künste, sondern auch in dem der Musik. So zählt seit 2009 auch der höfische Musikstil Gagaku zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Wobei ich nach einer besuchten Vorstellung sagen muss, dass sich das ästhetische Konzept des Gagaku sehr von dem westlicher Musik unterscheidet. Man muss sich darauf einlassen, damit man seine Freude an Gagaku hat. Besonders gefällt mir persönlich das traditionelle Musikinstrument Koto, eine dreizehnsaitige Zither.

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Auch die musikalischen Fähigkeiten der Japaner lassen sich sehen, wie ich bei oben genannten Vorstellungen, einem kleinen Konzert in Ibaraki und dank Herr Fujimoto bei einer phänomenalen Aufführung der neunten Sinfonie in D-Dur von Gustav Mahler (Dirigent Norichika Iimori) feststellen konnte.

In Japan erfahre ich also durchaus auch eine Symbiose und gegenseitige Befruchtung zwischen der japanischen und deutschen Kultur. So wurde mir zum Beispiel bei einer Führung durch die Asahi Brauerei in Suita erzählt, dass der Gründer unter anderem in Deutschland die Braukunst erlernt hatte. Mehr über das Zusammenspiel der beiden Kulturen konnte ich auch bei Gesprächen mit an Deutschland interessierten Japanern und in Japan lebenden Deutschen bei diversen Stammtischen erfahren. Auch der Empfang der Kirschblütenkönigin aus Hamburg in Osaka war diesbezüglich sehr informativ. Besonders gefreut hat mich aber, dass sich sogar der deutsche Generalkonsul, Dr. Ingo Karsten, trotz seines sehr vollen Terminkalenders aufgrund des momentanen Aufenthalts der deutschen Bundeskanzlerin in Japan die Zeit nahm mich in Empfang zu nehmen. Ich durfte aber nicht nur den Generalkonsul, sondern auch Keiji Goto, den Bürgermeister von Suita, bei sehr interessanten Gesprächen über Japan und Deutschland kennenlernen.

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Im Allgemeinen lerne ich hier in Japan ständig – sei es bei von der Stiftung arrangierten Terminen oder im Alltag – neue Leute kennen. Auch wenn viele Japaner oft eher zurückhaltend sind, siegt meist doch die Neugierde mehr über ein anderes Land zu erfahren. Diese Kontakte ermöglichen mir den wahrscheinlich tiefsten Einblick in das Land Japan. Im Zuge dessen möchte ich noch zwei Gelegenheiten, bei denen ich viele sehr nette Japaner kennengelernt habe, erwähnen: zum einen die Osterfeier im Hause Nobuko, bei der ich mehr über die christliche Minderheit in Japan erfahren konnte und zum anderen die Kirschblütenschau der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Kobe.

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Erwähnenswert ist definitiv auch noch der Ausflug des Rotary Clubs Suita auf die Insel Awaji, bei dem ich ebenfalls viele neue Kontakte knüpfen konnte. Darüber hinaus war ich sehr beeindruckt von dem wirklich vorzüglichen Essen. Ich hatte noch nie zuvor so frischen Fisch gegessen. Auch hierbei konnte ich, ebenso wie bei einem sehr amüsanten Kochabend, auf den mich eine Freundin mitnahm, den hohen Stellenwert des Essens in Japan beobachten.

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Dies sieht man auch sehr schön an folgenden Zahlen: Deutsche geben rund 8% ihres Gehalts für Essen aus, Japaner geschlagene 25%. In Japan wird sehr viel Wert auf die Qualität der Zutaten gelegt. Man isst viele unterschiedliche kleine Speisen, die jeweils liebevoll angerichtet werden. Essen wird richtig zelebriert. Dabei ist dem Japaner eine ausgewogene und gesunde, fettarme Küche sehr wichtig. Man isst sehr viel Reis, Fisch und regionales, saisonales Gemüse, das oft nur minimalistisch zubereitet oder roh serviert wird, um möglichst wenige Nährstoffe zu verlieren. Auch hier sieht man sehr gut das Harmoniebestreben der Japaner. Ihnen ist der Einklang mit der Natur sehr wichtig, sowie dass es ihnen und ihren Mitmenschen gut geht, sie gesund sind.

Aber auch alles Harmoniebestreben der Welt kann nichts ändern, wenn sich die Spannung zwischen zwei Erdplatten löst und es zu einem Erdbeben kommt. So hielt ganz Japan schockiert den Atem an, als es in Kumamoto immer wieder zu starken Beben kam, bei denen viele Menschen starben und verletzt wurden. Ich möchte nun meinen Bericht beenden mit dem Ausdrücken meines aufrichtigen Beileids an alle Betroffenen und Angehörigen, sowie dem Respekt für all die Helfer, die alles stehen und liegen gelassen haben, um in Kumamoto bei dem Wiederaufbau zu helfen. Ich wünsche allen von Herzen die Stärke diese schwierige Zeit durchzustehen!



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