☆☆ Erster Bericht von Anjuli Franz, dreizehnte Stipendiatin der Grünwald Stiftung ☆☆

Saturday, der 18. February 2017 | Autor: GRUENWALD | Kategorie(n): Blog

Am 1. Februar kam ich als dreizehnte Grünwald-Stipendiatin nach Osaka und wurde sehr herzlich von Herrn Okamoto und seiner Frau empfangen. In der sehr schön eingerichteten und zentral gelegenen Gästewohnung darf ich nun drei Monate leben und von hier aus Land, Leute und Sprache erkunden. Gleich zu Beginn meines Aufenthalts konnte ich die japanische Küche auf sehr vielfältige Art und Weise kennen lernen: In einem ausgezeichneten Restaurant verbrachten wir einen sehr schönen Abend mit dem seit September in Osaka amtierenden Generalkonsul Dr. Werner Köhler und seiner Frau sowie Freunden von Herrn Okamoto. Mit einem Kayseki-Menü, bestehend aus dreizehn Gängen, die passend zur Jahreszeit ausgewählt und angerichtet werden, konnten wir den Winter hinter uns lassen und den Frühling begrüßen – denn es war Setsubun, der Tag des Frühlingsanfangs.

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In den nächsten Tagen erkundete ich die Umgebung und war fasziniert, wie ähnlich und gleichzeitig anders sie sich im Vergleich zu meiner Heimat anfühlt. Obwohl ich mich am anderen Ende der Welt befinde, fühlte mich direkt zu Hause, und habe weniger als in anderen Ländern das Empfinden, fremd zu sein. Die Architektur der Häuser und kleinen Gärten, das immer vorhandene Gefühl von Sicherheit und die vielen Tempel und Schreine erinnern mich jedoch ständig daran, dass ich mich in einem kulturell von meiner Heimat sehr verschiedenen Land befinde.

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Der Besuch der Schreine, die ihre Tradition in der Naturreligion des Shintoismus haben, mittlerweile aber eher als Kulturgut gesehen werden, nimmt im Leben vieler Japaner einen wichtigen Stellenwert ein. Herr Okamoto zeigte mir die traditionelle Art, sich vor dem Schrein zu verbeugen und zu klatschen und damit der Natur zu danken und sich seiner Wünsche und Ziele für die Zukunft bewusst zu werden.

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Sehr spannend war für mich auch der Besuch beim Bürgermeister von Suita, der sich eine halbe Stunde Zeit nahm, um mit mir über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Japan und Deutschland zu sprechen. Japan steht weltweit vor der größten Herausforderung durch den demographischen Wandel, da die Geburtenrate ähnlich ist wie in Deutschland bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung. Genau wie bei uns ist die Wahlbeteiligung bei jüngeren Menschen eher niedrig.

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Während Herr Okamoto eine knappe Woche auf den Philippinen verbrachte, um eine vom Rotaryclub gespendete Schulbibliothek einzuweihen, tauchte ich in die japanische Geschichte ein und erkundete im “Osaka Museum of Housing and Living” eine Nachbildung der Stadt in der Edo-Zeit (1600-1870). Dort nahm ich an einem Workshop teil, der das Tragen eines Kimonos, eine traditionelle japanische Teezeremonie, Kalligraphie und klassischen japanischen Tanz beinhaltete. Beim Besichtigen der Nachbildung der etwa zweihundert Jahre alten Wohnhäuser und Geschäfte beeindruckten mich im besonderen die ausgeklügelten Schiebewände, Schließmechanismen und über Seilzüge bedienbare Türen und Fenster. Der Einsatz von shōji (Holzrahmen mit Gitterstreben, die mit weißem Papier beklebt sind) als Wände und Raumteiler erlaubt zum einen eine sehr flexible Raumgestaltung und verbindet zum anderen durch seine Leichtigkeit und Lichtdurchlässigkeit den Wohnraum mit der  umgebenden Natur, wie ich es aus meiner Kultur nicht kenne. Dies geht natürlich leider mit dem Nachteil der sehr geringen Wärmeisolierung einher.

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Das moderne Osaka konnte ich unter anderem bei einem Spaziergang durch Shinsaibashi, das größte Shoppingviertel kennen lernen. Hier reihen sich horizontal und vertikal Geschäfte und Werbetafeln aneinander, bevölkert von Menschenmengen, die ich in meiner Mainzer Heimat nur an Fastnacht gewöhnt bin. Auch wenn man sich an die  Reizüberflutung durch die Geräusch- und Farbkulisse gewöhnen muss, ist der japanische Shoppingwahnsinn sicherlich einen Besuch wert. Etwas ruhiger ging es im dennoch stark frequentierten Schlosspark von Osaka Castle zu, welches auf einer Festung über der Stadt in glänzendem Weiß erstrahlt.

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Beim Museumsworkshop, beim Volleyball und beim Treffen des Rotaractclubs habe ich Bekanntschaft mit einigen Japanern und Japaninteressierten aus China, Amerika, Kanada, Jamaika, Thailand und Russland gemacht. Es hat viel Spaß gemacht, beim Abendessen mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern darüber zu diskutieren, wie sie Japan wahrnehmen und erleben. Ich freue mich sehr darauf, in den nächsten Wochen bei Ausflügen nach Kyoto, Nara und Kobe die Kansairegion besser kennen zu lernen.



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